Neumühl: Der rassistische Mob macht wieder mobil

Wieder einmal bricht sich in Duisburg ein rassistischer Wahn Bahn, wieder einmal werden bei Facebook hundertfach Vernichtungsphantasien geäußert, wieder einmal wird der Stadtteil Neumühl seinem Ruf, eine Hochburg der Rassist*innen zu sein, gerecht.

Wir haben die jüngsten Ausfälle im Internet beobachtet und die Bürger*innenversammlung im Agnesheim besucht.

Die Neumühler*innen sind seit Tagen in Rage – wieder einmal. Grund: Die Ankündigung der Stadt Duisburg nun doch im ehemaligen St. Barbara-Hospital eine Landeseinrichtung für Asylbewerber*innen einzurichten. Ein ähnliches Vorhaben war im vergangenen Jahr schnell wieder aufgegeben worden, nachdem es zu xenophoben Protesten kam. Im Zuge der Stimmungsmache konnte PRO NRW damals bis zu 250 Anwohner*innen mobilisieren. In einer Stellungnahme beschrieben wir die Situation seinerzeit wie folgt: “Unter vielen wild geschwenkten Deutschlandfahnen und von Klatschen untermalten Sprechchören erinnerte die Stimmung zeitweise an die in einem Fußballstadion. Dutzende Personen skandierten unter anderem Parolen wie “Kein Asyl in Neumühl” und übertrafen die Redner von PRO NRW in Sachen Radikalität deutlich. Was sich hier am Samstag in geradezu gespenstischer Atmosphäre ereignete, war ein absolutes Novum in der Geschichte von PRO NRW – so begeistert sind die Rechten noch niemals von der örtlichen Bevölkerung aufgenommen worden. Die Aktivist*innen der Kleinpartei nahezu als Volkshelden feiernd, gerieten die teilnehmenden Anwohner*innen – welche ihre Häuser geöffnet hatten und sich vom Park bis in die ersten Vorgärten hinein drängten – in eine Begeisterung, die durchaus an eine Pogromstimmung erinnerte.” In der Folge gelang es PRO NRW dutzende Neumühler*innen in die Parteiarbeit einzubinden. Allein 15 Stadtratskandidat*innen von PRO NRW wohnen in Neumühl, wo PRO NRW mit fast zehn Prozent der Stimmen drittstärkste Kraft bei der Kommunalwahl wurde.

Nun, da das Barbara-Hospital doch als Notunterkunft genutzt werden soll, sind die Hetzer wieder da – auch im Internet. Wie unter anderem die WAZ heute berichtet, machte gestern bei Facebook das Gerücht die Runde, dass zwei vermeintliche Romni versucht hätten ein Kind zu entführen. Die Vorstellung, “Zigeuner” würden Kinder rauben, ist ein klassisches antiziganistisches Motiv, wie etwa der Politikwissenschaftler Markus End feststellt. Der Artikel der WAZ stellte zwar die Falschmeldung der Entführung richtig da, erwähnte aber leider nicht, was auf die antiziganistische Phantasie folgte. Bis zum heutigen Nachmittag wurde zum Beispiel ein entsprechender Beitrag des Users Feron Christian-mille über 4000 mal geteilt. Der User kommentierte seinen Beitrag mit den Worten “Diese Missgeburten haben heute in Neumuhl versucht ein kind zu entführen… Haltet bitte die augen offen!!!! Dreckspack!!!!”. In hunderten Kommentaren äußerten Facebook-User*innen daraufhin massive Gewalt- und Vernichtungsdrohungen. Wir wollen an dieser Stelle nur einige Beispiele nennen (Fehler im Original):

Feron Christian-mille
“Direkt draufschlagen, kele auf schneiden oder im kopf schissen”

Thorsten Kühnel
“Ab nach Auschwitz mit dem Dreckspack !!!!!”

Dennis Strgar
“Vergewaltigen, anzünden, sterben lassen !!! Und ganz schnell das Barbara – Krenkenhaus anzünden !!!!!”

Jennifer Lauf
“… Das heißt wir müssen selbst handeln und die dreckigen Ratten kaputt schlagen !”

David Feron Dat
“kann doch alles nicht mehr wahr sein watt ihr mit den ratten ist ….am besten verbrennen dann hauen se vielleicht von alleine ab”

Marcus Pruss
“Ab inne gaskammer”

Dominik Landsberger
“christian das problem ist die sehen alle gleich aus mann müsste alle organisiert vernichten “

Anoni Palomi
“Auf die fresse hauen sollte man die fetten bulgaren/rumänen fotzen”

Offenbar wurden schon mehrere Strafanzeigen gestellt und diverse Beiträge bei Facebook gemeldet. Weitere Anzeigen nimmt die Polizei unkompliziert via E-Mail entgegen: anzeige@polizei.nrw.de.

Wie nicht anders zu erwarten, kam es auch bei der heutigen Bürgerinformation anlässlich der Einrichtung einer Aufnahmestelle für Asylbewerber*innen im ehemaligen St. Barbara-Hospital ebenfalls zu rassistischen Äußerungen und Übergriffen auf vermeintliche Kritiker*innen. Der Saal der Veranstaltung wurde dem Ansturm der interessierten Bürger*innen nicht gerecht. Nur ca. 180 Personen durften hinein, mindestens 100 weitere verblieben vor dem Saal. Anwesend waren auch zahlreiche Vertreter*innen von PRO NRW, der NPD und der Identitären Bewegung – welche vor der Halle Schilder mit Begriffen wie “Seelenlos” und “Heimatlos” hochhielten. Diese Schilder hielten auch die NPD-Ratsherrin Melanie Händelkes und der Kölner Bezirksvertreter Tony-Xaver Fiedler von PRO KÖLN (siehe Foto).

Mindestens die Hälfte der Besucher*innen im Saal brachte ihre Ablehnung der Aufnahmestelle für Asylbewerber*innen deutlich zum Ausdruck, viele davon waren hochgradig aggressiv – mehrmals wurden die Vertreter*innen der Stadt niedergebrüllt. Oberbürgermeister Link und Sozialdezernent Spaniel versuchten zwar zaghaft der rassistische Stimmung im Stadtteil entgegen zu treten, äußerten aber zugleich auch Verständnis für Ressentiments gegen Roma. Ein junger Mann im Look der autonomen Nationalisten stellte sich als angeblicher Vater des gestern vermeintlich beinahe von Romni entführten Kindes vor, andere Redner*innen argumentierten ebenfalls vor allem mit der Sorge um das Wohl ihrer Kinder, sollten Asylsuchende in den Stadtteil kommen.

Vor der Tür schaukelte sich die Stimmung indes immer weiter auf, unter anderem forderte eine ältere Frau lautstark, statt der etablierten Parteien “einen neuen Hitler zu wählen”, nachdem der Duisburger PRO NRW-Funktionär- und Ratsherr Mario Malonn den Saal verlassen hatte, um draußen eine Rede zu halten, welche mit frenetischem Applaus bedacht wurde. Als einige Anwesende sich daraufhin kritisch äußerten, wurden sie massiv bedroht und der Versuch unternommen sie mit Schlägen und Tritten zu attackieren. Die Angegriffenen mussten daraufhin vom Sicherheitsdienst in den Vorraum des Saals in Sicherheit gebracht werden. Erst nach einer Stunde konnten sie unauffällig von der Polizei aus dem Stadtteil eskortiert werden, da von Seiten der Polizei ihre physische Unversehrtheit nicht gewährleistet werden konnte. Im Zuge dieses Vorfalls wurde die Versammlung – kurz vor ihrem regulären Ende – abgebrochen. Teile des Mobs versuchten im Anschluss die Eingangstüre einzutreten, um an die in Sicherheit gebrachten Kritiker zu gelangen. Mehrere Fotograf*innen wurden bedroht und mussten ebenfalls von der Polizei in Sicherheit gebracht werden. Die überforderten Polizeikräfte riefen mehrmals Verstärkung.

Neumühl reiht sich in eine Reihe deutscher Orte ein, wo Anwohner*innen – flankiert von Rechtspopulist*innen und Neonazis – gegen geflüchtete Menschen hetzen. In Duisburg kommt die allgegenwärtige antiziganistische Stimmung in der Stadt hinzu, die in den vergangenen zwei Jahren auch von Behörden und Politik befeuert wurde. Das Eskalationspotenzial des Neumühler Mobs ist groß, das hat der heutige Tag einmal mehr gezeigt. Die Asylsuchenden, die schon in wenigen Wochen den Duisburger*innen in Neumühl ausgesetzt sein werden, haben Unterstützung dringend nötig.