Offener Brief an Bernd Dörries (Süddeutsche Zeitung)

Sehr geehrter Herr Dörries,

mit großem Befremden haben wir Ihren Artikel vom 1.9.2013 (1) auf dem Internet-Portal der Süddeutschen Zeitung zur Kenntnis genommen. In der Hoffnung, dass eine etwaige nachfolgende Berichterstattung seitens der SZ oder durch Ihre Person um eine differenziertere Darstellung der Situation rund um die von Ihnen so bezeichneten „Problemhäuser“ bemüht ist, stellen wir fest:


Unter der Überschrift „Linke und Rechte streiten um Meinungshoheit“ behaupten Sie, eine „Bürgerversammlung“ sei „von Linken gestürmt“ worden, obwohl der genaue Hergang der Ereignisse am 23.08.2013 erstens ganz unterschiedlich in der Presse dargestellt wird und zweitens die polizeilichen Ermittlungen in Bezug auf die von Ihnen als „Überfall“ geschilderte Auseinandersetzung sich noch in der Anfangsphase befinden.

Darüber hinaus implizieren Ihre weiteren Ausführungen den Schluss, bei den so genannten “Nachtwachen” handle es sich um eine Art improvisierter Bürgerwehr, die sich selbst oder andere vor den Bewohnern der Häuser In den Peschen schützen wolle. Dies ist mitnichten der Fall: Die „Nachtwache“ setzte sich eben nicht nur aus Bürgerinnen und Bürgern Rheinhausens, sondern aus weiten Teilen Nordrhein-Westfalens zusammen, die nicht aus Sorge um verdreckte Strassen oder geschlachtete Schwäne in den Duisburger Vorort gereist waren, sondern weil sich in den letzten Wochen die Zahl eindeutig rassistisch motivierter Übergriffe (2) rund um das Haus gehäuft hatte.

Gegen Ende ihres Artikels zitieren Sie außerdem die Organisation „Stimme der Migranten“ beziehungsweise ihre Sprecherin Vasilka Bettzieda. Offensichtlich waren Ihnen die inhaltlichen Positionen (3) Frau Bettziedas nicht bekannt, denn eine ungefragte Übernahme dieser teils offen rassistischen Darstellungen lässt sich mit der sicherlich auch von der Süddeutschen Zeitung eingeforderten journalistischen Sorgfaltspflicht vermutlich nur schwer vereinbaren.

Frau Bettzieda führt in einer Selbstdarstellung des eingetragenen Vereins „Stimme der Migranten“ unter anderem aus, Roma hätten „gar keine“ Kultur, sinniert über die unterschiedlich intensive Verwendung der Gehirnhälften, über den statistischen Anteil an Roma mit Schulabschluss und die damit angeblich korrelierende Fähigkeit, „logisch zu denken“. Der Anspruch des Vereins, „Integration durch Zivilisierung“ zu leisten, drückt explizit die Überzeugung der Vorsitzenden und seiner sonstigen Vertreter aus, Roma seien mit den Segnungen der Zivilisation noch unvertraut und müssten mehr oder minder aus einem zivilisatorischen Urzustand heraus in die vermeintlich aufgeklärte Gegenwartsgesellschaft befördert werden. Auch die weiteren Ausführungen in der so genannten Selbstdarstellung lassen über die Weltanschauung der – von Ihnen gleichsam als authentische Gewährsfrau präsentierten – Frau Bettzieda unerfreuliche Rückschlüsse zu.

Wir, die Initiative gegen Duisburger Zustände, fragen uns außerdem, wie weit es mit der vorgeblichen Zivilisation eigentlich bestellt sein kann, wenn völlig legal nach Deutschland gekommenen Einwanderern von der Mehrheitsgesellschaft ein derart offenkundig rassistisch motivierter Hass entgegen schlägt. Während Nordrhein-Westfalens Innenminister Jäger laut Ihrem Artikel „ratlos“ angesichts der Situation ist, stellt der Pressesprecher der Duisburger Polizei schlicht und ergreifend fest, die Bewohner der Häuser In den Peschen müssten „weg“ (4) obwohl es dafür – abseits der moralischen Fragwürdigkeit derartiger Äußerungen – überhaupt keine rechtliche Handhabe gibt. Bedauernswert ist ebenfalls, dass Sie, Herr Dörries, zwar feststellen, dass die Debatte nicht ohne die Bewohner des Hauses geführt werden kann und ihre Position ebenfalls dargestellt werden muss, es in ihrem Artikel aber gleichfalls versäumen, die Bewohner des Hauses zu Wort kommen zu lassen. Anders als von Ihnen berichtet gibt es zwischen den Bewohnern und den sich mit diesen solidarisch verhaltenden Gruppen und Einzelpersonen einen Austausch. Statt dies in ihren Artikel einfließen zu lassen versteifen Sie sich darauf, die Aktivitäten dieser zumeist linken Gruppierungen – blind gegenüber Inhalt und Form – mit dem Agieren von rechtspopulistischen Splitterparteien und Neonazis in eins zu setzen.

Gerade die überregionale Presse hat unseres Erachtens nach die Aufgabe, nicht nur sorgfältig, sondern auch inhaltlich ausgewogen über die Situation in Duisburg zu berichten. Dass eine rasche Abkehr von der bisherigen Prägung des öffentlichen Diskurses dringend geboten ist, fordern im Übrigen nicht nur selbst- und fremdernannte Linke, sondern auch Akademiker, die sich seit Jahrzehnten mit Migrationsfragen beschäftigen (5). Schlecht recherchierte Presseartikel in der größten überregionalen deutschen Abonnement-Tageszeitung werden an diesem Umstand allerdings nichts ändern.

Mit freundlichen Grüßen,
Johanna Haldemann, i.A. der Initiative gegen Duisburger Zustände

(1) http://www.sueddeutsche.de/panorama/streit-um-roma-in-duisburg-ratlos-in-rheinhausen-1.1759031

(2) vgl. diesbezügliche Pressemitteilungen der zuständigen Polizeidirektion: http://www.presseportal.de/polizeipresse/pm/50510/2538926/pol-du-rheinhausen-fremdenfeindliche-rufe-taeter-gefasst ; http://www.presseportal.de/polizeipresse/pm/50510/2535100/pol-du-rheinhausen-farbschmierereien-in-den-peschen

(3) Nachfolgende Zitate sind aus einer Selbstdarstellung des Vereins „Stimme der Migranten“ übernommen, die uns als PDF vorliegt. Nach massiven Drohungen des Vereins gegen uns und Blogsport haben wir die Datei vom Server entfernt, daher findet sich hier kein Direktlink mehr.

(4) http://taz.de/Rechte-Hetze-gegen-Roma/!122337/

(5) http://www.disskursiv.de/2013/08/26/presseerklaerung-des-diss/